Wir kommen von einer wunderbaren Wanderung vom Moorgebiet der Schwantenau zurück nach Biberbrugg. Auf einmal werden wir aus unserem Paradieszustand herausgerissen: Ohrenbetäubender Lärm! Unter uns liegt die Strasse Einsiedeln – Wädenswil. Trotz Corona ein Auto nach dem andern… aber das Schlimmste: Töfffahrer!

Ausser in meiner Easy-Rider-Zeit (weiss man heute überhaupt noch, was das ist?) hatte ich noch nie viel am Hut mit Töfffahrern. Ich meine damit nicht solche, wie meinen Bruder, welche regelmässig  mit dem Töff zur Arbeit fahren. Nein, ich meine jene Horden, welche unsere Alpenstrassen unsicher machen und die herrlichsten Landschaften mit ihrem Tempo und Lärm verunstalten. Ich mache meinem Unmut Luft, und mein Gegenüber muss dies nun aushalten!

Zu Hause treffe ich auf meinen Nachbarn, er steigt gerade vom Motorrad herunter, streicht liebevoll über sein Gefährt und strahlt übers ganze Gesicht. Er berichtet von Sonne, blauem Himmel, unzähligen Pässen… Er nimmt mir den Wind aus den Segeln. Für meine kritischen Gedankengänge ist der nicht ansprechbar. Aber wie das so ist, Gedanken, die einmal da sind, die einen beschäftigen, die lassen uns nicht so schnell los. Spät abends schleiche ich mich in die Tiefgarage. Ich sichte das glänzende Ungetüm. Ich will mit ihm sprechen.

„Warum sind die Männer so verrückt nach euch?“, will ich wissen.

„Wir schenken ihnen Tempo.“

„Tempo? Dass ich nicht lache. Für den Temporausch ist doch die Chilbi zuständig und erst noch billiger. Nein das genügt mir nicht!“

„Wir schenken ihnen Freiheit“

„Freiheit? Und was ist mit der Freiheit unserer wunderbaren Berggegenden, den Pflanzen, die verpestet werden, den Tieren und Menschen, welche diesen ohrenbetäubenden Lärm über sich ergehen lassen müssen, ohne sich dagegen wehren zu können?“ Ich rede mich in Rage.

„Wir schenken ihnen den Flow.“ (Das Glitzerding kann sogar Englisch.)

Mir verschlägt es die Sprache. Der Flow ist doch etwas Wunderbares. Und ausgerechnet für so etwas Grossartiges wie den Flow einiger Verrückter muss also unsere Bergwelt, müssen jeden Tag abertausende Menschen diesen Wahnsinn von Gestank und Lärm und Unsicherheit auf den Strassen über sich ergehen lassen.

Was man alles mit diesem Flow, mit dieser wunderbaren Energie anstellen könnte! Es gibt tausend Dinge auf dieser Welt, die auf den Flow von uns Menschen warten. Tausend Dinge, die darauf warten, gelöst, verändert, verbessert zu werden. Mit dem Flow der Menschen könnte man aus diesem Planeten das Paradies auf Erden erschaffen.

Stattdessen wird die Energie auf unseren Passtrassen verpufft…

Ich betrachte die Krachmaschine mit einem strafenden Blick, das Übel schlechthin, die Versuchung unserer besten Männer. Dieses glitzrige Ungetüm schafft es also, etwas vom Kostbarsten, das der Mensch besitzt für sich zu beanspruchen.

Doch dann werde ich milde. Das Ding kann ja nichts dafür. Ohne den Menschen ist es tot. Es folgt einfach dem Befehl…

Ich wünsche gute Nacht.

In meinem Traum treffe ich auf meinen Nachbarn – braungebrannt. Er strahlt über das ganze Gesicht, erzählt von Sonne, blauem Himmel, blühenden Alpenblumen, von Pässen, von Wanderungen, von Konditionsaufbau und von seinen Kumpels, von Liedern die sie singen und Picknicks aus dem Rucksack. Er lässt mich kaum zu Wort kommen. Zum Schluss rückt er etwas näher zu mir ran (ist Corona nun endlich abgezogen?) und sagt: „ Falls du eine Handtasche brauchst, ich würde dir gerne meine neuste Collection zeigen. Habe mir nun endlich meinen Traum erfüllt von der eigenen Firma: Handtaschen aus rezykliertem Leder – aus gebrauchten Töffoveralls.“

Mir bleibt nur noch zu fragen: „Und was ist mit dem Töff?“

Mein Nachbar lächelt und sagt: „Er durfte in Pension gehen und geniesst jetzt seinen Ruhestand. Wir machen noch hie und da eine kleine gemütliche Ausfahrt, um meine Enkelin zu besuchen, denn auch ein Töff braucht manchmal etwas frische Luft.”